Wer ein Bestandsgebäude mit einer Metallfassade bekleidet, arbeitet selten unter Idealbedingungen. An der Augustenstraße 2 in Stuttgart, einem Sanierungsprojekt der Altvater GmbH nach Planung des Büros Plan 11 GmbH, kamen nahezu alle Faktoren zusammen, die eine Fassadenplanung anspruchsvoll machen: kein vollständiger 3D-Scan des Gebäudes, drei grundverschiedene Untergründe, eine Vielzahl geometrischer Sondersituationen und ein Fassadensystem, das konstruktiv präzise Voraussetzungen verlangt.
Systemwahl: Wo INVISIO funktioniert – und wo nicht
Kernfrage zu Planungsbeginn war nicht, welches System gewählt wird, sondern wo welches System seine Grenze findet. BEMO-BOND INVISIO setzt eine definierte Einhängegeometrie voraus, die sich nicht in jedem Fassadenbereich herstellen lässt.
Die Fassadenbereiche wurden systematisch in zwei Kategorien unterteilt: Bereiche, in denen das verdeckte Befestigungsprinzip von INVISIO konstruktiv umsetzbar ist, und Bereiche, in denen eine genietete Ausführung technisch überlegen oder als einzige Option verbleibt. Entscheidungskriterien waren:
- Geometrie des Einbauorts: Neigungswinkel der Bekleidungsfläche (nach vorne geneigt, nach hinten geneigt, vertikal), Zugänglichkeit für die Montage sowie die Einhängerichtung der Platten.
- Kantenausbildung: Bereiche mit Umkantungen, geschlossenen Kanten oder Lochblechfeldern erforderten jeweils eine individuelle Systembetrachtung, da die Hinterschnitttechnik von INVISIO hier an geometrische Grenzen stößt.
- Plattenformat und Aufbautiefe: Die verfügbare Konstruktionstiefe vor der Bestandsfassade bestimmte, welche Unterkonstruktionshöhe realisierbar war und damit indirekt, welches Befestigungssystem passt.
Vollaluminiumplatten wurden überall dort eingesetzt, wo massive, formstabile Bekleidungselemente gefordert waren; insbesondere in Bereichen mit erhöhtem Verschleißrisiko oder wo die Plattengeometrie keine verdeckte Befestigung erlaubte.
Drei Untergründe, ein Konzept
Das Bestandsgebäude weist Stahlbeton, Stahlkonstruktionen und Mauerwerk als Untergründe auf – jeder mit eigenen Anforderungen an Befestigungsmittel, Randabstände und Lastableitung.
Die Planung der Stahlunterkonstruktion wurde an ein externes Ingenieurbüro vergeben. Dieser Bereich war planungstechnisch der aufwendigste: Zunächst musste definiert werden, an welchen Stellen Stahlbauteile aus der Fassadenebene austreten und welche Mindestabstände zur Fassadenoberfläche einzuhalten sind. Erst danach konnte die Anschlusssituation zwischen Stahlprofil und BEMO-Unterkonstruktion detailliert werden – und erst nach dieser Detaillierung war eine statische Berechnung möglich.
Systemlinien als Planungsersatz für fehlende Bestandsdaten
Das Fehlen eines vollständigen 3D-Scans war die zentrale planerische Einschränkung. Die Lösung: Definition von Systemlinien als rasterartige Bezugsebenen, von denen alle Bemaßungen abgeleitet wurden. Dieses Prinzip entkoppelt die Fassadenplanung von der Ungenauigkeit der Bestandsgeometrie.
Die Systemlinien definieren Flucht, Höhensprünge und Neigungsebenen der Bekleidung. Alle Konsolen, Unterkonstruktionsbauteile und Plattenanschlüsse beziehen sich auf diese Linien – nicht auf die tatsächliche Bestandsoberfläche.
Vorteil dieses Ansatzes: Die Fassade erhält eine geometrisch definierte, ebene Oberfläche, unabhängig von Unebenheiten und Toleranzen im Bestand. Voraussetzung ist eine ausreichende Tiefe der Unterkonstruktion für den notwendigen Ausgleich.
Detailplanung: Von 30 auf 9 Regeldetails
Theoretisch hätten rund 30 Einzeldetails alle Situationen des Projekts vollständig abgebildet. Das Planungsteam reduzierte auf 9 Regeldetails, die die wesentlichen Anschlussprinzipien bündeln: Vertikalbekleidung zwischen Fensterachsen in drei Neigungsvarianten, Balkonbekleidung an Untersicht und Brüstung, den Terrassenbereich mit dem vorhandenen Dach inklusive gesondertem Aufbau für die Zwischenbereiche, Eck- und Kantensituationen sowie den Anschluss an Fensterlaibung und -sturz. Was sich nicht regeldetaillieren ließ, wurde nicht zeichnerisch erzwungen – sondern der Ausführung übergeben, mit klarer Maßgabe, vor Ort zu prüfen und anzupassen.
Konsolenplanung und Befestigungsraster
Die Konsolenplanung folgte demselben Prinzip der Systematisierung: Alle Bereiche mit eindeutiger Planbarkeit wurden vollständig ausgearbeitet, inklusive Ausladung, Achsabstand und Lastannahmen. Nicht eindeutig planbare Bereiche müssen vor Ort ermittelt und entsprechend ausgeführt werden.
Ergebnis und Planungsqualität
Das Projekt zeigt, wie methodisch strukturierte Planung auch bei lückenhafter Grundlage zu einer technisch belastbaren und wirtschaftlich umsetzbaren Lösung führt. Die Kombination aus BEMO-BOND INVISIO und Vollaluminiumplatten erlaubt es, die unterschiedlichen geometrischen und konstruktiven Randbedingungen eines Bestandsgebäudes in einem einheitlichen Fassadenbild aufzulösen – und die Reduktion auf 9 Regeldetails macht das Planungskonzept übertragbar auf vergleichbare Sanierungsvorhaben.